Legalität vs. Moral


#1

Vielleicht ein kleiner spin-off zum “Obrigkeiten-Thread”:
Es gibt in der Geschichte einige Beispiele wo “moralisch richtig” nicht legal bzw. umgekehrt legales Handeln nicht moralisch richtig war. Als Beispiel seien hier zum Beispiel der Holocaust, die Sklaverei oder auch die “Rassentrennung”. Sie waren alle “legal” - aber mindestens moralisch falsch. Einen Juden zu verstecken, einen entflohenen Sklaven nicht auszuliefern oder einen schwarzen Menschen in eine “weiße Schule” aufzunehmen war illegal.
Wie seht ihr das? Sicher sind das extreme Beispiele, aber ist das eher die Regel oder die Ausnahme? Sollte man also bei illegalen Handlungen eher “moralisch richtig” annehmen? Oder bei (vermeintlich) “moralisch richtigen” Handlungen nicht zwingend Legalität voraussetzen? Oder sind diese beiden Bereiche sogar eher Gegensätze? Was sagt die Bibel dazu?
Da die Beantwortung natürlich stark vom jeweiligen Land abhängig ist, ist natürlich der Blick auf Deutschland sinnvoll. Vielleicht kennt ihr aber auch ein anderes Land als Gegenbeispiel?


#2

Dazu vielleicht noch ein paar Anregungen zu diesem interessanten Thema.

Allein Legalität kann niemals Gerechtigkeit schaffen. Dazu gibt uns das NT genügend Anhaltspunkte.
Desgleichen kann allein Moral keine Gerechtigkeit schaffen. Jesus war kein Moralapostel, sondern lebte, was er sagte und ist: Liebe.
Legalität und Moral benötigen als Voraussetzung Liebe, um Gerechtigkeit zu schaffen.

Überspitzt formuliert und auf den Punkt gebracht:
Legalität ohne Liebe führt dazu, dass der Mensch für den Sabbat da ist.
Moral ohne Liebe führt dazu, dass sie spricht: gehe hin und Frieden, ohne aber das für den Leib Notwendige zu geben.

Salve


#3

Gerade im Relativismus und Positivismus (eine Denkrichtung der Postmoderne) wird auch Moral relativiert und gewissermaßen in Legalität überführt. Die bis jetzt noch nicht ausgesprochene, aber letztlich unausweichliche Forderung dieser Denkrichtung ist, dass niemand mehr für sein Handeln verantwortlich gemacht werden kann. Dementsprechend müssen Gesetze angepasst werden.

Ein Ergebnis dieser Denkrichtung ist übrigens der allgemeine Verlust an Wahrheit. Misstrauen gegenüber Regierungen, Medien, Wissenschaft und letztlich auch Glauben/Religion. Ebenso erfährt das Menschen- und Familienbild eine Revision: Mann/Frau, Vater/Mutter werden zu relativen Begriffen, der Mensch erhält vermeintlich Freiheit von seiner Biologie und Soziologie.

Der Grund warum ich den Thread noch einmal hervorholte, war dieser Satz, den ich gerade gelesen habe:

Moral ein Produkt der Biologie?
“So unsinnig es wäre, die Gültigkeit mathematischer Axiome auf jene genetischen Gesetze zurückzuführen, die das mathematische Denkvermögen bewirkt haben, so aussichtslos ist es, die mit Gut und Böse verbundenen praktischen Geltungsansprüche durch Rückführung auf die biologischen Wurzeln des Moralbewußtseins als verbindlich erweisen zu wollen.”
Annemarie Pieper, Gut und Böse, München 2008, S. 30